100 Jahre Frauenwahlrecht – (k)ein Grund zum Feiern?

  • Frauen konnten in Deutschland am 19. Januar 1919 erstmals auf nationaler Ebene ihr Wahlrecht nutzen. Das Bild zeigt ein Braunschweiger Wahllokal zur Reichstagswahl 1931.

Das Frauenwahlrecht wurde viele Jahrzehnte lang gegen bestehende Vorurteile und gesellschaftliche Konventionen von aufgeklärten, mutigen Frauen eingefordert und erkämpft. Am 12. November 1918 wurde es endlich in Deutschland vom Rat der Volksbeauftragten verkündet. Erstmals war es damit möglich, dass auch der weibliche Teil der Bevölkerung sich durch das Wahlrecht aktiv an der Gestaltung der politischen Machtverhältnisse beteiligen und sich für eigene und allgemeine Anliegen und Rechte politisch einbringen konnte.

Es war der erste Schritt auf dem langen Weg der Gleichberechtigung von Frauen und Männern, der gesellschaftlichen Gleichstellung der Geschlechter. Diese war damit jedoch längst nicht erreicht: Zwar wurde das Wahlrecht für Frauen gesetzlich in der Weimarer Verfassung verankert, dennoch gab es keine einzige Ministerin in der Weimarer Republik.

Wo stehen wir heute bezüglich der Gleichberechtigung bzw. gesellschaftlichen Gleichstellung von Männern und Frauen? Vertreterinnen des Humanistischen Verbandes Deutschlands äußern sich hier zu dem historischen Tag.

Dr. Ines Petra Scheibe, Humanistischer Verband Deutschlands

Foto: Die Hoffotografen
Dr. Ines Petra Scheibe, Humanistischer Verband Deutschlands

Dr. Ines Petra Scheibe, Präsidiumsmitglied des Humanistischen Verbandes Deutschlands und Mitgründerin des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung:

“100 Jahre Frauenwahlrecht wären ein guter Grund zum Feiern, doch leider gibt es hinsichtlich der Selbstbestimmung von Frauen und der Gleichstellung der Geschlechter in den letzten Jahren auch in Deutschland Stagnation und RĂĽckschritte. Beides wird gegenwärtig von konservativen, national gesinnten Kräften und religiösen Fundamentalisten wieder mehr und mehr in Frage gestellt und bekämpft. Das sollten wir Frauen zusammen mit allen aufgeklärten, demokratischen Menschen nicht zulassen, sondern uns weiter fĂĽr die vollständige gesellschaftliche Gleichstellung aller Menschen aktiv einsetzen – trotz starkem Gegenwind.”

Katrin Raczynski, Humanistischer Verband Berlin-Brandenburg K.d.ö.R.
Foto: Die Hoffotografen
Katrin Raczynski, Humanistischer Verband Berlin-Brandenburg K.d.ö.R.

Katrin Raczynski, Vorstandsvorsitzende des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg K.d.ö.R.:

“100 Jahre Frauenwahlrecht: Diese in historischer Perspektive junge Errungenschaft im Kampf um Gleichberechtigung macht deutlich, dass eine heutige Selbstverständlichkeit lang und hart erkämpft werden musste. Die Erinnerung daran sollten wir wachhalten, sie an unsere Töchter weitergeben und uns weiter dafĂĽr einsetzen, das heutige Unrecht gegen Frauen zu bekämpfen. Dies wird nur gelingen, wenn wir zusammen stehen, mutig sind, neue Wege gehen und nicht aufhören, uns fĂĽr die Rechte von Mädchen und Frauen einzusetzen.”

Ulrike von Chossy, Humanistischer Verband Bayern
Foto: Ulrike von Chossy
Ulrike von Chossy, Humanistischer Verband Bayern

Ulrike von Chossy, Vize-Präsidentin des Humanistischen Verbandes Deutschlands und pädagogische Bereichsleiterin des Humanistischen Verbandes Bayern:

“100 Jahre Frauenwahlrecht: Da weiĂź man gar nicht, ob man sich freuen oder schämen muss. Immer noch gibt es nach wie vor Benachteiligungen innerhalb der Geschlechter. Die endlich erfolgte Anerkennung des dritten Geschlechts kann darĂĽber auch nicht hinweg täuschen. Es wird Zeit, dass wir Humanist*innen unser Menschenbild politisch mehr zur Geltung bringen und die Gleichberechtigung aller menschlichen Wesen weiter vorantreiben. Es gibt noch so viel zu tun.”

Hedwig Toth-Schmitz, Humanistischer Verband Rheinland-Pfalz/Saarland.
Foto: Markus Schöllhorn
Hedwig Toth-Schmitz, Humanistischer Verband Rheinland-Pfalz/Saarland.


Hedwig Toth-Schmitz, Vorstandsvorsitzende des Humanistischen Verbandes Rheinland-Pfalz/Saarland:

“Erfreulicherweise spricht hier und heute niemand mehr Frauen die Fähigkeit und das Recht ab, ĂĽber politische Sachverhalte zu urteilen. Das macht Mut, sich fĂĽr die Durchsetzung all der anderen Rechte zu engagieren, die in unserer Gesellschaft zwar theoretisch anerkannt, von der Verwirklichung aber noch weit entfernt sind – beispielsweise das Recht, ĂĽber den eigenen Körper selbst zu bestimmen oder das Recht, fĂĽr gleiche Arbeit gleich entlohnt zu werden.”

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